Nachruf fürs Under-Cover

An diesem denkwürdigen Freitagabend im März versammelten sich vor der Buchhandlung Under-Cover zwölf Personen. Sie hatten sich zwar noch nie zuvor gesehen, hatten aber eines gemeinsam: sie waren fiktiv. Eine burschikose Frau mit kurzen Haaren und einer Narbe auf der Wange ergriff als Erste das Wort.

„Hallo, zusammen. Ein sehr trauriger Anlass führt uns heute hierher. Das Under-Cover schließt und wir stehen buchstblich auf der Straße. Aber das Leben und speziell das Buchgeschäft ist eine harte Schule. In dieser Stadt liegt einiges im Argen, nicht nur verkehrstechnisch. So musste heute ich die Totensteige hinunter rennen, um nach der Vergeltung in Degerloch rechtzeitig hier zu sein. Aber lassen wir das. Ich schlage vor, dass wir uns kurz bekannt machen. Mein Name ist Lisa Nerz, ich bin Reporterin. Und nun einfach der Reihe nach.“

„Okay, ich bin Georg Dengler, Privatdetektiv. Die Schließung dieses Hauses ist fast ein perfekter Mord. Ich verspüre brennende Kälte wie damals beim München-Komplott oder im Sommer am Bosporus. Viel zu viele fischen in fremden Wassern. Aber glaubt mir, die Rebellen sind nicht tot!“ Dengler zog ein Blatt aus der Jackentasche und faltete es auseinander. „Ich führe seit Jahren diese blaue Liste und möchte mir sicherheitshalber eure Namen notieren.“ Dann nickte er dem Chinesen zu, der als Nächster dran war. „Wer sind Sie, bitte?“

Cheng“, kam es wie aus der Pistole geschossen, wobei ein Hauch Wienerisch mitschwang. „Ja, heute ist ein mariaschwarzer Tag. Jammerschade, ach, was sage ich, es ist ein Skandal, dass unsere Freundin und Gönnerin ihr schönes Bücherhaus schließen muss. Und das hier, in einer Stadt, wo die Löwen weinen! Da muss man schon ein sturer Hund sein und sich ein dickes Fell wachsen lassen, um den Umfang der Hölle zu vermessen. Und nun kommt das Gewitter über Pluto immer näher“, er hob den Blick zu den Wolken, die sich über dem Gerberviertel zusammenbrauten. „Aber die Haischwimmerin wird über kurz oder lang die nervösen Fische aus Amazonien vor die feine Nase der Lilli Steinbeck treiben. Dann wird man schon sehen, wer hier das himmlische Kind und wer der To(r)tengräber ist, so wahr ich der Mann bin, der den Flug der Kugel kreuzte.

„Yep, Alter, genau so isses“, fiel ihm ein anderer ins Wort. „Für die Krimifans ist das ein Albtraum. Wenn ihr mich fragt, sind daran nicht nur die Machenschaften der Onliner schuld. Die Buchjunkies sind bequem geworden. Sie lassen sich beliefern, anstatt sich den Lesestoff selbst beim Buch-Dealer zu besorgen. Doch ich bin pessimistisch, dass sich das so bald ändern wird. Die Situation versandet immer mehr, dann kommt der Absturz und unsereins bleibt wie ein Loser auf der Strecke.“ Übrigens, mein Name ist Andy Garcia, Reporter.“

Eine Frau trat zu Garcia und legte ihm sanft die Hand auf die Schulter. „Stimmt, es ist wie der Tanz mit dem Tod, dem Bücher-Tod. Und ich finde das überhaupt nicht tödlich schön. Ich erinnere mich nur zu gut an den Tod in Degerloch.“ Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Ich heiße Bea Pelzer, und bin sehr traurig.“

„Ja, das sind wir alle!“, rief der Mann neben ihr. „Dieses eiskalte Schweigen derer, die nur noch nach Profit gieren, ist unerträglich wie das Echo einer Nacht. Aber Juliane ist nicht das vergessene Mädchen! So eine Kämpfernatur ist schlicht die falsche Frau für ein Requiem. Mich packt die Heidelberger Wut, wenn ich nur daran denke. Am liebsten würde ich denen, die das verbrochen haben, das schwarze Fieber an den Hals wünschen. Mein Name ist Alexander Gerlach, Kripo Heidelberg.“

„Sie haben vollkommen recht, aber Mord isch hald a Gschäft“, meldete sich eine junge Rothaarige. „Doch Bücher-Mord verjährt nicht, nicht wahr, Micha?“ Sie schaute zu dem Mann zu ihrer Rechten, der an einer Säule lehnte und rauchte. „Ich bin Thea Engel, und das ist KHK Michael Messmer, Mordkommission Stuttgart.“ Messmer ließ die Zigarette fallen und drückte sie mit der Schuhspitze aus. „Die Farbe des Himmels ist diesmal nicht azzurro, wir ermitteln in alle Richtungen, auch under-cover“, sagte er düster.

„Das kann ich bestätigen! Mein Name ist Emmerich, ebenfalls Mordkommission Stuttgart. Ich war am Tatort Hölderlinplatz, die Kollegen von der Spurensicherung sind hilflos überfordert. Der Mord im Chinagarten steht zwar kurz vor der Aufklärung, aber es bleibt immer noch das Rätsel im Hoppenlau, vom Schlossgartensterben ganz zu schweigen. Und wie immer darf man alles allein machen.“ Emmerich blickte besorgt zu der Frau, die in ihrer Handtasche herumkramte.

„Ich bin Birgit Wahl, Kripo Tübingen. Bin gleich soweit, suche nur mal eben die  Efeuschlinge, habe sie immer dabei. Ich helfe gerne bei der Ergreifung des oder der Täter. Falls also Bedarf besteht…“

„Wie wär’s mit Gift oder bunten Pillen? Das wäre dann zwar nicht appetitlich, aber die Nebenwirkungen bringen den Tod – mein Spezialfach“, meldete sich eine Dame, offensichtlich Apothekerin, die nicht dazu kam, ihren Namen zu nennen, weil plötzlich alle durcheinander redeten.

„Mein Name ist Brander, ebenfalls Kripo Tübingen. Ich bin gegen Gewaltanwendung und trinke lieber einen schwäbischen Whisky oder auch zwei. Doch in diesem Fall wäre ich für Körperstrafen, Folter mit Eisblumen und Verbannung auf Irrwege. Danach können die von mir aus im Neckar treiben!“

„Sie meinen im Nesenbach! Aber das Under-Cover wird für immer in unseren Herzen bleiben. Juliane hat dafür gesorgt, dass jeder unserer Leser, ob Frau oder Mann, ein Treffer ist. Ich heiße Seifferheld, und beherrsche den Kreuzstich, esse gern Bienenstich und kriege gleich einen Herzstich.“ Er fasste sich demonstrativ an die Brust. „Ich weiß, wie man eine Insel klaut, mag Pizza, Pasta und hätte gern einen Sanddorngrog. Selbstredend habe ich immer Nadel, Faden, Hackebeil dabei. Finger, Hut und Teufelsbrut! Es wird leichter ein Zierkissen gestickt und ein Loch gestopft als einer von uns gemeuchelt! Papier ist geduldig.“

„So isses. Nur mit Teufels G’walt kriegt man uns klein!“ Lisa Nerz winkte die anderen zum Eingang. „So, gehen wir rein, das Essen wird kalt. Es gibt Spezialitäten vom Gaisburger Schlachthof, Herrgotts Bscheißerle und Wein bis zur bitteren Neige. Nur Baccus wird unser Zeuge sein, aber dass mir nachher keiner leblos unterm Tresen liegt. Wir lassen uns nicht von Almachtsdackeln im Nachtkrater verscharren, Malefitzkrott, nocheinmal! – Und jetzt alle: Ein Hoch auf das Under-Cover und unsere liebe Juliane Hansen!“

Stuttgart, 22.03.2013 ® Silvija Hinzmann

   A schöne Leich' beim Leichenschmaus

Foto: Maria Lehmann

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Leichenschmaus fürs Under-Cover Stuttgart 22.03.2013

Traurig, aber wahr … 

Leichenschmaus Under-Cover März 2013 pdf

Mit Dank an Christine Lehmann für die Organisation.

Criminale 2013

In vier Wochen ist es soweit: Die Criminale, das größte Krimi-Festival in Europa, findet diesmal zwischen 17.- 21. April 2013 in der Schweiz statt, genauer in den Kantonen Solothurn und Bern.

Ich lese bei der Veranstaltung „Wine&Crime“ am Donnerstag, 18. April 2013
zusammen mit Thomas Erle und dem Autorenduo Kirsten Püttjer/Volker Bleek
im Weindepot Delinat Bern, Könizstr. 161, 3097 Bern-Liebefeld
Beginn 19.30 Uhr
Eintritt: CHF 25,– incl. Weindegustation & Apéro

Und hier das Gesamtprogramm zum Durchblättern.